Wie gefährlich sind schlecht recherchierte Zeitungsartikel über Morbus Crohn?

Die SMCCV freut sich, dass es gemäss 20 Minuten dem Betroffenen Michele zur Zeit gut geht. Was aber im Artikel steht, findet die SMCCV sehr bedenklich. Deshalb danken wir für den Kommentar von Prof. Dr. med. Dr. phil. Gerhard Rogler (Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie, UniSpital Zürich).

Prof.Dr.med.Dr.phil. Gerhard Rogler

Am 23. August 2017 veröffentlichte 20 Min eine Story über einen Patienten mit Morbus Crohn, dem es durch Fitness und nach Absetzen aller Medikamente nun besser geht. An diesem Beispiel wird wieder mal deutlich, wie schädlich schlecht recherchierte Artikel sein können. Link zum Artikel: http://www.20min.ch/fitness/fitnesschallenge/story/10478638

Das beginnt schon mit der Beschreibung der Erkrankung: «Der bald 42-Jährige leidet an Morbus Crohn. Woher die autoimmune Nervenkrankheit kommt oder wie man sie behandelt, weiss man nicht.» Zum einen ist der Morbus Crohn keine «autoimmune Nervenkrankheit». Sie wird von Gastroenterologen behandelt, nicht von Neurologen oder Psychiatern, weil es keine Nervenerkrankung, sondern eine chronisch entzündliche Darmerkrankung ist. Wenn der Autor eines solchen Artikels schon zu Beginn derartige Unkenntnis unter Beweis stellt, muss man sich auch über die weiteren Einschätzungen nicht wunder. Dass man nicht wüsste, wie man Morbus Crohn behandeln soll, ist offensichtlich auch nicht richtig. Richtig ist, dass die Behandlung bei jedem fünften Patienten nicht zufriedenstellend ist.

«Die Nebenwirkungen der Immunblocker setzten ihm stark zu: Gichtschübe, eine zerstörte Magenwand, Nieren- und Herzinfarkte sowie Muskel- und Knochenschwund.» Die Nebenwirkungen der Medikamente, die zur Behandlung des Morbus Crohn eingesetzt werden, sind recht gut bekannt. «Gichtschübe, Niereninfarkte und Herzinfarkte» gehören nicht dazu. Dass sich Sport günstig auf den Verlauf des Morbus Crohn auswirkt ist nichts Neues. Das ist eine generelle Empfehlung auch der «Schulmedizin». Alle Medikamente abzusetzen, ist jedoch eine gefährliche Empfehlung. Ob Medikamente bei der Mehrheit der Betroffenen wirken, wird in gut überwachten Studien sorgfältig untersucht. Den Eindruck zu erwecken, dass alle diese Medikamente nichts taugen, ist fahrlässig. Das ist Fake News im wahrsten Sinne des Wortes: Berichterstattung vorbei an den publizierten Fakten. Mit einer solchen Empfehlung kann man betroffenen Patienten effektiv schaden und gefährliche Situationen hervorrufen.

Der Morbus Crohn verläuft in Schüben. Wer sagt uns denn, dass nicht wieder ein Schub in den kommenden Monaten auftritt? Eine Beobachtungszeit seit Mai (* Monate) ist da eher lächerlich. Aus meiner Sicht wird dieser Artikel bei weitem nicht der Verantwortung gerecht, die man von einem Journalisten, der über Patienten mit chronischen Erkrankungen berichtet, erwarten kann. Die oben genannten Fehler («Nervenkrankheit») sind dabei nur ein Anzeichen dafür, dass man sich nicht wirklich mit der Thematik beschäftigt hat. Das ist in diesem Fall sehr bedauerlich. Insbesondere, wenn man die Leserkommentare liest, die dazu auffordern, dass auch andere alle Medikamente absetzen, muss man es auch sehr bedenklich finden.

28. August 2017

Redaktion SMCCV

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