Vitamine bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Vitamine sind lebenswichtige Nährstoffe, welche unser Körper nicht selber herstellen kann; sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) kann die Vitaminaufnahme aus verschiedenen Gründen gestört sein, sodass ein Vitaminmangel keine Seltenheit darstellt.

Autoren:

PD Dr. med. Stephan Vavricka, Stadtspital Triemli Zürich
Prof. Dr. phil. Dr. med. Gerhard Rogler, Universitätsspital Zürich

Vitamine sind lebenswichtige Nährstoffe, welche unser Körper nicht selber herstellen kann; sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) kann die Vitaminaufnahme aus verschiedenen Gründen gestört sein, sodass ein Vitaminmangel keine Seltenheit darstellt.

Was sind Vitamine und wie wirken sie in unserem Körper?

Vitamine werden von unserem Körper für lebenswichtige Funktionen wie den Stoffwechsel und das Immunsystem benötigt und müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. (Einige Vitamine werden dem Körper als Vorstufen zugeführt, die der Körper dann erst in das eigentliche Vitamin umwandelt.) Man unterteilt Vitamine in fettlösliche (A, D, E, K) und wasserlösliche (B, C) Vitamine. Vitamine sind an vielen Reaktionen des Stoffwechsels beteiligt: Sie sind bei der Verwertung von Kohlenhydraten, Eiweissen und Mineralstoffen mitverantwortlich und sorgen für die Energiegewinnung im Körper. Vitamine stärken das Immunsystem und sind unverzichtbar beim Aufbau von Zellen, Knochen und Zähnen. Unterschiedliche Vitamine sind für unterschiedliche Aufgaben zuständig.

Wie entsteht ein Vitaminmangel bei CED?

CED geht häufig mit einem Vitaminmangel einher. Verschiedene Faktoren können für die Entstehung eines Vitaminmangels verantwortlich gemacht werden: verminderte Nahrungsaufnahme, um Schmerzen zu vermeiden; schlechtere Vitaminaufnahme durch die entzündete Darmschleimhaut oder einen verkürzten Darm; oder Vitaminverluste, welche durch die Krankheit selbst bedingt sind, z.B. durch Blutungen. Die wichtigsten Ursachen eines Vitaminmangels sind in der Tabelle zusammengestellt.

Vitamin B1 (Thiamin): Zuckerstoffwechsel und Nervensystem kommen nicht ohne Thiamin aus

Das Vitamin B1 spielt eine wichtige Rolle im Zuckerstoffwechsel und beim Aufbau von Nervenzellen. Es kommt in sehr vielen Nahrungsmitteln vor, ausser in Öl, Fett und raffiniertem Zucker. Es ist hitzeempfindlich ab 100 °C und wasserlöslich, was bei der Zubereitung der Nahrungsmittel beachtet werden sollte. Ein Mangel an Vitamin B1 zeigt sich an verschiedenen Symptomen, welche das Herz-Kreislauf-System (z.B. Ödeme, Herzrasen) und das Nervensystem (z.B. periphere Neuropathie, Sehstörungen, Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörungen, Verwirrungszustände, Amnesie) betreffen. Ein genereller Vitamin-B1-Mangel ist bei Colitis-ulcerosa-Patienten nicht bekannt und kommt in seltenen Fällen bei Morbus Crohn vor.

Vitamin B2 (Riboflavin): Das Wachstumsvitamin

Ein Vitamin-B2-Mangel ist bei CED sehr selten beschrieben. Erste Anzeichen eines Mangels können Halsschmerzen, rissige Mundwinkel und Ödeme in der Mundschleimhaut sein. Vitamin B2 kommt in Gemüsen wie Broccoli und Spargel vor sowie in Milchprodukten, Eiern, Vollkornprodukten, Muskelfleisch und Fisch.

Vitamin B3 (Niacin): Steuert den Stoffwechsel von Eiweissen, Fetten und Kohlenhydraten

Auch hier wurde bis heute nur sehr selten über einen Mangel bei CED berichtet. Die Vitamin-B3-Mangelerkrankung wird Pellagra genannt und zeichnet sich durch Hautentzündungen (Dermatitis), Durchfall und Demenz aus. Eine mögliche Mangelerkrankung kann mit Vitaminpräparaten behoben werden.

Vitamin B6 (Pyridoxin): Bei ungefähr 30  % der CED-Patienten zu tief

Vitamin B6 ist in den verschiedensten Lebensmitteln enthalten, am reichsten in Muskelfleisch, Gemüse und Weizenprodukten. Ungefähr 29–30 % aller IBD-Patienten leiden an einem B6-Mangel, welcher durch die Medikamente Isoniazid oder Penicillin, durch verringerte Nahrungsmittelaufnahme oder Resorptionsstörungen ausgelöst werden kann. Unbehandelt kann der Vitamin-B6-Mangel zu Krämpfen, Reizbarkeit, Entzündungen der Lippen oder Bindehautentzündung führen.

Vitamin B12 (Cobalamin): Grosse Speichervorräte meistens vorhanden

Cobalamin ist wichtig für die Zellteilung, Blutbildung und Funktionen des Nervensystems. Grosse Mengen sind im menschlichen Körper vor allem in der Leber und Niere gespeichert, sodass ein Vitamin-B12-Mangel nur sehr langsam ausgebildet wird. Patienten, welche an einem chronisch aktiven Morbus Crohn im terminalen Ileum (im letzten Teil des Dünndarms) leiden oder bei denen dieser Teil des Darms operativ entfernt werden musste, sollten regelmässig auf einen Cobalamin-Mangel hin untersucht werden.

Vitamin B9 (Folsäure): Mangelerscheinungen bei fast der Hälfte aller Crohn-Patienten

Folsäure ist ein weiteres Vitamin, das bei CED-Patienten häufig abgegeben werden muss. Früchte und Gemüse sind die wichtigsten Lieferanten für Folsäure, welche für die Zellteilung sehr wichtig ist. Folsäure-Mangelsymptome sind Durchfall, Veränderungen an der Zunge und Schwellung und Rötung der Lippen. Die Problematik des Folsäure-Mangels ist bei Crohn-Patienten ausgeprägter als bei Colitis-ulcerosa-Patienten. Die Gründe für einen Vitamin-B9-Mangel sind mannigfaltig: Appetitlosigkeit, Resorptionsstörungen oder hohe Krankheitsaktivität. Eine medikamentöse Behandlung mit z.B. Sulfasalazinen oder Methotrexat kann ebenfalls einen Folsäure-Mangel auslösen.

Vitamin C: Verringert oxidativen Stress in der menschlichen Zelle

Vitamin-C-Mangel wurde zum ersten Mal im 18. Jahrhundert bei Seeleuten beschrieben, welche über längere Zeit kein frisches Obst oder Gemüse zu sich nehmen konnten. Die Erkrankung wurde als Skorbut bezeichnet und ging mit Zahnfleischbluten, Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten, Müdigkeit bis hin zu Muskelschwäche einher. In der Literatur wurden Crohn- und Colitis-Patienten beschrieben, welche an Vitamin-C-Mangel leiden, doch scheint dies nicht weit verbreitet zu sein und kein Problem darzustellen.

Vitamin A (Retinol): Ermöglicht uns das Sehen und wirkt anti-entzündlich

Leber, Milch und Fisch sind reich an Vitamin A. In Entwicklungsländern, wo Reis eine der Hauptnahrungsquellen ist, ist der Vitamin-A-Mangel verantwortlich für die Erblindung von Kindern und Jugendlichen. Neuere Erkenntnisse haben gezeigt, dass Vitamin A auch im Immunsystem des Verdauungsapparates eine wichtige Rolle spielt und anti-entzündlich wirken kann. Aktuelle Studien untersuchen die Rolle von Vitamin A bei der Behandlung von CED.

Vitamin D: Auslöser von CED?

22–70 % der Crohn-Patienten leiden an einem Vitamin-D-Mangel und es wird aktuell diskutiert, ob dieser Mangel einer der Krankheitsauslöser sein könnte. Vitamin D wird hauptsächlich in der Haut hergestellt beim Kontakt mit Sonnenlicht, kann aber auch durch die Nahrung aufgenommen werden (v.a. Fisch). Vitamin D steuert den Knochenaufbau, spielt aber auch eine wichtige Rolle bei Vorgängen im Immunsystem. Bei CED-Patienten besteht das Risiko einer verminderten Knochendichte (Osteoporose, Knochenschwund), welches durch regelmässige Kortisonbehandlung noch erhöht wird. Die Einnahme von Vitamin D und Calcium ist für diese Patienten unabdingbar.

Vitamin E: Mangelerscheinungen fast unbekannt

Vitamin E ist in sehr vielen Nahrungsmitteln zu finden. Deshalb wurde ein Vitamin-E-Mangel bis heute bei gesunden Menschen kaum beschrieben. Auch bei CED-Patienten ist ein Vitamin-E-Mangel nicht bekannt.

Vitamin K: Korrelation mit Crohn-Schüben?

Das Vitamin K wird über den Dünndarm aufgenommen; Mangelerscheinungen wurden bei CED-Patienten bis heute kaum beschrieben. Eine interessante Beobachtung wurde jedoch kürzlich publiziert: die Morbus-Crohn-Aktivität scheint mit einem Vitamin-K-Mangel zu korrelieren. Weitere Studien werden hier nötig sein, um dies abschliessend zu zeigen.

Worauf sollten Sie unbedingt achten?

CED-Patienten haben ein erhöhtes Risiko, an Vitaminmangel zu leiden. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung kann generell helfen, einem Vitaminmangel vorzubeugen, doch Sie sollten unbedingt darauf achten, dass gewisse Vitamine regelmässig kontrolliert werden, um Komplikationen zu verhindern. Um effizient einen Mangel an Vitaminen zu behandeln, kann Ihr Arzt Tabletten, Kapseln oder Tropfen verschreiben.

Die Autoren bedanken sich bei Dr. Nadine Zahnd-Straumann für die redaktionelle Unterstützung.

01. Dezember 2014

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