Studienaufruf - Pouchitis-Therapie: eine neue Option

Im März 2016 begann Atlantic Healthcare mit der Rekrutierung von Patienten für eine Phase-3-Versuchsreihe für das neue Produkt «Alicaforsen Enema» zur Behandlung einer Pouchitis (Entzündung des Dünndarm-Reservoirs nach Dickdarmentfernung: Patienten, bei denen die medikamentöse Colitis-ulcerosa-Behandlung nicht erfolgreich ist, bedürfen oft einer operativen Entfernung des erkrankten Dickdarms, wobei dann das Ende des Dünndarms in Form eines Beutels [Pouch] mit dem Anus verbunden wird). Es gibt derzeit keine zugelassene medikamentöse Behandlung für Patienten mit einer Pouchitis. Stattdessen sind die einzigen vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten diejenigen, die für eine Colitis ulcerosa zugelassen sind (die oft vorher nicht erfolgreich waren).

Neue Medikamente für entzündliche Darmerkrankungen und Pouchitis

Die medizinische Forschung und die Pharmaindustrie suchen nach neuen Ansätzen zur Behandlung von entzündlichen Darmerkrankungen (Inflammatory Bowel Disease, IBD). Die beiden Hauptformen der entzündlichen Darmerkrankungen sind Colitis ulcerosa (CU) sowie Morbus Crohn.

Wenn die medikamentöse Therapie nicht erfolgreich ist, kann bei einer Colitis ulcerosa als letzter Ausweg eine Operation (Dickdarmentfernung) notwendig sein. In der Schweiz muss bei etwa 10–15% aller Patienten mit Colitis ulcerosa irgendwann im Verlaufe des Lebens der Dickdarm entfernt werden (Kolektomie). Auf den Enddarm wird dann ein chirurgisch hergestellter Beutel aus dem Ende des Dünndarmes aufgenäht, damit ein kleines Stuhlreservoir vorhanden ist. Bei der Hälfte dieser Patienten ist dieser Beutel eine akzeptable und beschwerdefreie Lösung. Bei der anderen Hälfte der Patienten kann es jedoch zu einer Pouchitis – einer Entzündung des Beutels – kommen. Diese kann im Rahmen von einzelnen Episoden (Anfällen) bis hin zu einer fortwährenden chronischen Erkrankung reichen. In diesem Zustand können Patienten unter einer Vielzahl unterschiedlicher und unangenehmer Symptome leiden, die denjenigen von Patienten mit einer CU ähneln (häufigerer Stuhlgang, Stuhldrang, Blut im Stuhl, Fieber usw.).

Da es derzeit kein lizenziertes Medikament gibt, das für die Behandlung der akuten oder chronischen Pouchitis zugelassen ist, ist die Verwendung von Antibiotika zur Erstbehandlung bei vielen Patienten gängige Praxis. Leider nimmt die Wirksamkeit von Antibiotika im Laufe der Zeit ab und die Patienten reagieren nicht mehr darauf – sie entwickeln eine «Resistenz» gegenüber der Behandlung.

Wie erwähnt sind neue Behandlungsmethoden für die Pouchitis sehr limitiert und es befinden sich nur wenige Medikamente in der Entwicklung (siehe https://clinicaltrials.gov/ct2/results?term=pouchitis&Search=Search).

Alicaforsen ist eines der wenigen derzeit entwickelten Produkte und das einzige Medikament für die Pouchitis, das sich in der Entwicklungsphase 3 befindet. Alicaforsen Enema bietet Patienten die Möglichkeit für eine sichere und effektive Behandlung der Pouchitis im ambulanten Bereich. Ergebnisse aus vorangegangenen klinischen Versuchen legen nahe, dass Alicaforsen eine mehrere Monate anhaltende Reaktion auslöst. Die Behandlung erfolgt über sechs Wochen. Die Wirkung hält durchschnittlich 6 Monate an.

Klinische Versuche – der Ablauf

Alle neuen Medikamente müssen über klinische Studien getestet werden, bevor diese verschrieben werden können. Der Zweck klinischer Versuche besteht in der Gewinnung neuer Daten, die belegen, dass neue Medikamente sowohl wirken als auch verträglich sind. Sicherheitsbeurteilungen werden ebenfalls durchgeführt, um mögliche Nebenwirkungen bei der Verwendung neuer Medikamente zu ermitteln.

Neue Medikamente werden im Zuge von drei klinischen Versuchsphasen am Menschen untersucht. Das Pharmaunternehmen arbeitet eng mit den regulatorischen staatlichen Behörden zusammen, um zu bestätigen, dass Entwurf, Vorgehen und Berichterstattung bezüglich dieser Versuche auf allen Ebenen akzeptablen Standards entsprechen.

Phase-1-Versuche werden typischerweise zur Beurteilung der Sicherheit an gesunden freiwilligen Teilnehmern durchgeführt, bevor in der Phase 2 mit der Untersuchung von Patienten fortgefahren wird. Diese «Frühphasenuntersuchungen» dienen der Absicherung, dass es keine unerwarteten Nebenwirkungen gibt, und ermöglichen den an den Versuchen beteiligten Ärzten zu ermitteln, wie das Medikament am besten verabreicht werden kann – zum Beispiel was die beste Dosierung ist und wie oft diese verabreicht werden soll. Ferner können über diese Versuche Messungen ermittelt werden, mit denen sich die Wirksamkeit am besten demonstrieren lässt.

Sobald diese Basisparameter bekannt sind, geht das Medikament unter der Voraussetzung, dass das Medikament bei Prüfungen in der Frühphase erfolgversprechend ist, in die Phase 3 über. Phase-3-Versuche werden oftmals als «zulassungsrelevant» bezeichnet, da sie für das Unternehmen den endgültigen Beweis dafür liefern, eine Genehmigung für die Vermarktung und letztlich für die Bereitstellung an Patienten zu beantragen.

Um sicherzustellen, dass die Ergebnisse dieser Studien zuverlässig sind, wird ein neues Medikament oftmals mit einem bestehenden Medikament verglichen, dessen Wirkung bekannt ist («Vergleicher»), oder mit einem «Dummy»-Produkt (Placebo) gegengeprüft. Die Prüfung findet normalerweise unter Doppelblindbedingungen statt. Dies bedeutet, dass weder Arzt noch Patient vor Beginn des Versuchs wissen, welche Behandlung erfolgt. Der Zweck der «Verblindung» besteht darin, dass die Daten z.B. infolge vorhergehender günstiger (oder ungünstiger) Reaktionen auf bekannte Medikamente nicht durch Voreingenommenheit verfälscht werden.

Schlussfolgerung

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl an neu getesteten Medikamenten für entzündliche Darmerkrankungen erheblich an. Hierzu zählen Medikamente wie Alicaforsen, die einen neuen Wirkmechanismus aufweisen. Dies sind gute Neuigkeiten für Patienten, die unter einer entzündlichen Darmerkrankung leiden, da dies hoffentlich zu einem breiteren Spektrum an Behandlungsoptionen führen wird.

Weitere Informationen zu klinischen Versuchen bezüglich entzündlicher Darmerkrankungen finden sich unter ClinicalTrials.Gov (https://clinicaltrials.gov/). Hierbei handelt es sich um eine einfach durchsuchbare Webseite, auf der alle bestehenden klinischen Versuche zu entzündlichen Darmerkrankungen aufgelistet sind.

 

 

Klinischer Versuch zu Alicaforsen Enema

Bei Alicaforsen Enema handelt es sich um ein neues Produkt, das bei einer Pouchitis eingesetzt werden soll. Für eine randomisierte, kontrollierte Phase-3-Doppelblindstudie mit parallelen Gruppen werden jetzt in 40 Fachkliniken in den USA, Kanada, Israel und Europa erwachsene Patienten rekrutiert.

Alicaforsen wirkt, indem es die Produktion von ICAM-1 senkt. Hierbei handelt es sich um ein Protein im Körper, das an Entzündungen beteiligt ist.

Patienten, die unter Pouchitis leiden, sind zur Teilnahme an der Studie berechtigt, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Die wichtigsten Kriterien sind in der Schnell-Checkliste aufgeführt.

Jeder Patient wird über einen Zeitraum von 6 Wochen behandelt und über einen Zeitraum von 20 Wochen weiter beobachtet. Die Reaktion auf die Behandlung wird auf Grundlage der Symptome des Patienten (festgehalten auf einer elektronischen Tagebuchkarte) und endoskopischer Daten ermittelt.

Manche Patienten werden im Rahmen des Versuchs ergänzend zu ihrer üblichen Medikation ein Placebo erhalten. Unabhängig davon, welche Behandlung sie im Rahmen des Versuchs erhalten, sind alle Patienten zu einer Behandlung mit Alicaforsen nach der offenen Versuchsstudie (Post-Trial) zugelassen, wenn sie die entsprechenden medizinischen Kriterien erfüllen.

Um festzustellen, ob eine Tauglichkeit von Patienten für die Versuchsreihe vorliegt, ist einer der Studienstandorte zu kontaktieren. Details zu den nächstgelegenen Standorten für Patienten können der Webseite von Atlantic Healthcare entnommen werden: (http://www.atlantichc.com/patientinfo.htm)

Schnell-Checkliste für die Teilnahmeberechtigung an einem Phase-3-Versuch für Alicaforsen

Wichtige Einschlusskriterien:

  1. Schriftliche Einwilligungserklärung
  2. Männliche oder weibliche Versuchspersonen ab 18 Jahren, die bei Colitis ulcerosa einen Pouch bekommen haben
  3. Pouchitis-Vorgeschichte
  4. Eine oder mehrere Antibiotikabehandlungen haben nicht angeschlagen

Wichtige Ausschlusskriterien:

  1. Mangel effektiver Verhütung; Frauen, die schwanger sind oder stillen
  2. Jüngere/geplante Veränderungen bezüglich des aktuellen Medikamentengebrauchs. Zu zulässigen Medikamenten, die möglichst konstant bleiben sollten, zählen unter anderem: orale 5-Aminosalicylsäure (5-ASA), orale Steroide, Immunsuppressiva.
  3. Rektale Produkte (mit Ausnahme einer Behandlung im Rahmen der Studie)
  4. Biologika: Anti-Tumor-Nekrose-Faktor-Behandlung (Anti-TNF) und/oder Vedolizumab; sind innerhalb von 8 Wochen des Screening-Besuchs nicht zulässig.
  5. Entzündungen, die möglicherweise Pouchitis-ähnliche Symptome verursachen: z. B. Zytomegalievirus oder Clostridium difficile
  6. Sonstige GI-Erkrankungen, die möglicherweise Pouchitis-ähnliche Symptome verursachen

Prof. Dr. med. Frank Seibod
info@magendarmsuisse.ch
Telefon: 031 302 32 34


Prof. Dr. med.Dr. Phil. Gerhard Rogler
matthias.butter@usz.ch
Telefon: 044 255 93 22

13. November 2017

Redaktion SMCCV

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