«Chronisch entzündliche Darmerkrankung: Welche Therapie ist die richtige?»

Rückblick auf die Info-Veranstaltung vom
9. November 2017 in Luzern

Betroffene von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa stehen immer wieder vor der Entscheidung: Schulmedizin oder Komplementärmedizin – oder beides? Dass dieses Thema im Alltag beschäftigt, wurde mit der grossen Teilnehmerzahl eindeutig unterstrichen: Über 170 Gäste lauschten im Hotel Continental-Park in Luzern gespannt den Ausführungen der Spezialisten.

Geteiltes Wissen, halbes Leid
Als SMCCV ist es eine unserer Aufgaben, den Mitgliedern laufend Zugang zu den neusten Entwicklungen der Medizin und Forschung zu ermöglichen und den aktiven Austausch untereinander zu fördern. Dadurch erhöhen sich für uns alle die Chancen auf eine bessere Lebensqualität. Damit auch Betroffene vom Wissen profitieren, die nicht direkt vor Ort teilnehmen können, haben wir die Veranstaltung aus Luzern und die Folgeveranstaltung aus Liestal auf dem Facebook-Kanal live übertragen. Einen kurzen Einblick in den Abend geben wir euch auch gerne in dieser Zusammenfassung. Wer gerne vollständig und umfassend informiert sein möchte, kann das Video auf dem Facebook-Kanal anschauen und quasi direkt vom kompetenten Wissen der Fachpersonen profitieren.

«Ich bin überrascht, wie viele Gspändli ich habe!»
Teilnehmer, seit 5 Monaten Diagnose Colitis Ulcerosa,
zum ersten Mal an einer Info-Veranstaltung.

Prof.Dr. Frank Seibold

Bauchgefühl bis -krampf
Eines vorab: Es gibt keine Patentlösung. Aber es gibt heute viele Möglichkeiten der Behandlung und auch sehr gute Chancen, die bis vor 10 Jahren unbekannt waren. So individuell jeder Betroffene ist, so individuell ist auch sein Verlauf und so unterschiedlich spricht die Person auf einzelne Therapien an. Zusammen mit Gastroenterologen und anderen Spezialisten muss deshalb die beste Behandlung gesucht und immer wieder neu angepasst werden.

Prof. Dr. Frank Seibold
Gastroenterologische Praxis Balsiger, Seibold & Partner Crohn-Colitis-Zentrum, Bern

Prof. Dr. Frank Seibold klärt zu Beginn seines Referats, dass er ebenfalls offen für Alternativmedizin sei und diese einsetze, wo es sinnvoll sei. Der Begriff Komplementär-Medizin sei seiner Meinung nach jedoch besser, da es das eine oder das andere nicht ausschliesse.

«Wir sind in unserem Zentrum spezialisiert auf CED-Erkrankungen und behandeln weit mehr als 1‘000 Patienten,
ich habe täglich mit rund 20 Patienten Kontakt.»

Der Wunsch nach einer natürlichen Therapie ohne Nebenwirkungen mit mehr menschlichem/persönlichen Kontakt anstatt chemischen Substanzen und technischen Apparaten sei verständlich. Verstärkt würde dieser Wunsch durch Berichte über wundersame Heilungen. Schulmediziner stehen vor der Herausforderung, das effektiv wirksame Medikament für jeden einzelnen zu finden. Das bedeutet auch, dass Medikamente und Therapien allenfalls auch immer wieder neu zusammengestellt werden müssen, bis man Erfolg erkennen kann.

«Die App iBDialog monthly ist meiner Meinung nach eine gute Sache,
da man sich meistens nicht genau an den exakten Krankheitsverlauf erinnern kann.»


Was ist eigentlich Komplementärmedizin? Das sind Behandlungsmethoden und diagnostische Konzepte, die sich als Ergänzung zu wissenschaftlich begründeten Behandlungsmethoden der Medizin verstehen. Es ist wichtig, nicht von Alternativ-Medizin zu sprechen, die Komplementärmedizin soll ergänzend zur Schulmedizin sein. Prof. Dr. Seibold unterteilt die Komplementärmedizin grob in folgende Kategorien:

  • Biochemische Therapien wie Pflanzentherapien, Naturprodukte
  • Berührungstherapien wie Chiropraktik, Ostheopathie, Massagen
  • Geist beeinflussen durch Hypnose, Biofeedback, spirituelle Therapien
  • Bioenergetische Therapien wie Akkupunktur oder Bioresonanz

In seinem Referat geht Prof. Dr. Seibold zudem auch auf den Placebo-Effekt ein. Eine Studie rund um die Therapie mit Schweinepeitschen-Wurmeiern zur Behandlung von Morbus Crohn zeigte, dass rund 30% der Placebo-Gruppe positiv auf die Therapie angesprochen haben. Allein die Annahme, dass die Therapie wirke, hat zu einer Verbesserung geführt. Ein eindeutiger Beweis, dass das Immunsystem und die Psyche eng verknüpft sind.

«Wenn man die Erkrankung früh entdeckt und sie gut behandelt,
kann man unglaublich gute Erfolge erzielen.
Das heisst, die Erkrankung ist endoskopisch nicht mehr nachweisbar und das kommt einer Heilung gleich,
wenngleich die Patienten immer noch unter medikamentöser Behandlung sind.»

Auf die Frage «Kann Schulmedizin durch Komplementärmedizin ersetzt werden und kann ich meine Medikamente absetzen?» antwortet Prof. Dr. Seibold klar mit einem Nein und warnt sogar davor. Man könne jedoch ein Aber dahinter setzen …

Bei einer Umfrage im Inselspital Bern zeigte sich, dass 47% der Patienten Komplementär-Medizin wie Homöopathie, Akkupunktur, chinesische oder indische Medizin nutzten. Die Angst vor Nebenwirkungen und die Unterstützung der schulmedizinischen Therapie stand im Vordergrund. Je mehr Kortison verschrieben wurde, umso höher war der Anteil Komplementär-Medikamente oder -Therapien. Die Auswertung der Wirksamkeit von Komplementärmedizin war ebenfalls interessant: 1/3 der Befragten verspürte eine Verbesserung, 1/3 stagnierte und 1/3 verspürte sogar eine Verschlechterung des Gesundheitszustands. In anderen Ländern sehen die Zahlen ähnlich aus.

Verschiedene Therapieverfahren und deren Studien (ohne Wertung):

  • Akkupunktur: Es gibt keine einzige standardisierte Studie zu diesem Thema!
  • Bioresonanz: Sehr geheimnisvoll, die Hintergründe wurden nie publiziert.
  • Homöopathie: Ebenfalls keine Studien zur Wirksamkeit publiziert.
  • Gebet: Auch hier gibt es keine Studien.

«Als Schulmediziner nehmen wir die Komplementär-Medizin sehr ernst.
Insbesondere pflanzliche Heilmittel können fast so effektiv sein wie die Schulmedizin.»

In der Natur gibt es einige Substanzen, die gute Wirkung zeigen. Hier ein unvollständiger Auszug Referats von Prof. Dr. Seibold:

Phytotherapie (Pflanzentherapie):

+ Brennesselextrakt: anti-entzündlicher Effekt mit recht günstigem Nebenwirkungsprofil
+ Aloe Vera (Studie 2004 mit 44 Patienten mit CU): gute Ergebnisse, 30% Abheilung
+ Weihrauch (Studie mit 102 MC-Patienten): anti-entzündlicher Effekt, ähnlich wirksam wie Sulfasalazin (3g)
+ Heidelbeeren: anti-oxidativ und anti-inflammatorisch - Schweizer Studie, die demnächst fortgesetzt wird (Achtung, natürliche und nicht Zucht-Heidelbeeren verwenden)
+ Curcumin (Studie 2004 CU-Patienten länger schubfrei / neue Studie 54% 5-ASA-Präparat plus Curcumin gutes Ansprechen): anti-entzündlich und anti-oxidativ, immunmodularische Wirkung, keine Nebenwirkungen (3g/Tag)
- Cannabis (zwei Studien): konzentriertes THO wirkt gut auf Schmerzempfinden, evtl. auch Immunsystem, niedrig dosiert kein Effekt. Cannabis-Verbrauch wird mit einem schlechteren Verlauf der Krankheit assoziiert!
- Echinacin: stimuliert Immunsystem und kann zu mehr Schüben führen!

Wichtig ist gemäss Prof. Dr. Seibold auch, bewusst Entspannungsübungen und Sport zu machen, sich nicht allzu viel Stress auszusetzen und aktiv Gespräche und Austausch zu suchen. Dies alles hat einen immensen Einfluss auf das Immunsystem. In der Praxis habe sich erwiesen, dass eine psychosomatische Therapie viel Druck abbauen kann und die Heilungschancen dadurch erhöht werden.

«Für eine erfolgreiche Therapie sollten Betroffene unbedingt mit den Ärzten kooperieren.
Sie sollten offen und ohne Scheu über ihre Beschwerden berichten. Für uns ist es sehr wichtig,
dass auch eine ganzheitliche Therapie gemacht wird, denn nicht nur der Darm,
sondern auch soziale und psychische Bereiche sind betroffen.
Wenn es allgemein besser geht, dann heilt auch der Körper besser.»

Dr. med. Dorothee Zimmermann

Dr. med. Dorothee Zimmermann
Oberärztin, Kantonsspital Nidwalden

Dr. med. Dorothee Zimmermann ist Magendarmspezialistin/Gastroenterologin und gibt den Teilnehmenden einen ausführlichen Überblick der aktuellsten Medikamente und Therapien. Sie betont jedoch, dass es bis heute keine Heilung durch Medikamente gibt und leider noch kein Wundermittel erfunden worden sei. Das Ziel einer Behandlung sei die Remission, also möglichst unter keinen Symptomen mehr zu leiden. Die Behandlung sollte möglichst wenige oder keine Nebenwirkungen zeigen. Konventionelle Medikamente seien auch heute noch wichtig in der CED-Therapie.

Für die Schubbehandlung seien schnell wirksame Medikamente nötig. Bei der Remissionserhaltung sei der Fokus darauf, neue Schübe zu verhindern, dies z.T. lebenslang.

«Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gibt nicht den einen richtigen Therapieweg,
man muss unter Umständen vieles probieren und für sich die passende Kombination suchen.»

Dr. med. Zimmermann erläutert die Merkmale der wichtigsten Medikamente (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

5-ASA-Präparate
«Grundstein» der Colitis Ulcerosa-Therapie, gut verträglich, lokale Wirkung
Schubtherapie, leicht bis mittelleicht, als Langzeittherapie in Kombination mit anderen Medikamenten.

  • Entzündungshemmend, ohne Eingriff in Immunsystem
  • Wirkt lokal in Darm
  • Prävention von Darmkrebs

Darreichungsform: oral oder rektal (Einlauf oder Schaum)

Steroide (Cortison)
Sehr effektiv zur Schubtherapie, nicht geeignet für Langzeittherapie aufgrund Nebenwirkungen

  • Entzündungshemmung
  • Unterdrückung des Immunsystems

Systemisch wirksam (ganzer Körper) oder topisch wirksam (lokal im Darm)
Keine 100-prozentige Ansprechrate, bei rund 20% der Patienten keinen Erfolg

Immunsuppressiva
(Nicht vollständige) Hemmung des Immunsystems

Thiopurine
Langzeittherapie (Crohn/Colitis), Nebenwirkungen relativ häufig, jedoch sicher, wenn Vorsichtsmassnahmen beachtet werden.

Methotrexat
Langzeittherapie bei Morbus Crohn

«Komplementärmedizin, d.h. eine Ergänzung und nicht gegeneinander ausspielen
von Schulmedizin und Alternativmedizin,
ist meiner Meinung nach wichtig. Leider ist es bis heute so,
dass es für Patienten noch schwierig ist,
die entsprechenden pflanzlichen Medikamente zu erhalten
resp. dass diese von Krankenkassen anerkannt werden.»

Alle aktuellen Therapiemöglichkeiten sind in unserer Schwerpunkt-Broschüre «fokus Therapie» beschrieben.

Nach dem Referat tauschen sich die Gäste und Dr. med. Dorothee Zimmermann rege über individuelle Fragen aus. U.a. empfiehlt sie, die Grippeimpfung zu machen, vor allem, wenn Medikamente genutzt werden, die das Immunsystem beeinflussen.

Dr. Dominique Criblez

Dr. Dominique Criblez
Chefarzt Luzerner Kantonsspital

Biologika, d.h. biologische Arzneimittel, sind ein enormer therapeutischer Fortschritt resp. ein Quantensprung. Dabei ist die Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen. Es gibt einige Substanzen, die noch in Erprobung sind und in den nächsten Jahren auf den Markt kommen. Nicht alle Patienten sprechen darauf an und man weiss bis heute noch ungenügend, welche Patienten auf was und warum ansprechen. Diese Kriterien müssen noch herausgefunden werden. Und es gibt auch Rückschläge: Vor rund drei bis vier Wochen wurde ein Medikament zurückgezogen. Das zeigt; biologische Arzneimittel sind auch keine Wundermittel.


«Die Anzahl der CED-Erkrankten ist eindeutig zunehmend,
das beweisen auch Studien. Auf der anderen Seite gibt es heute auch mehr wirksame Therapien.»

Chancen

  • Enormer therapeutischer Fortschritt
  • Grosses Zukunftspotential
  • In Zukunft: Personalisierte Therapie-Schemata
  • Noch viel zu lernen …

Problemfelder

  • Keine Wundermittel
  • Hohe Erwartungen (Ärzte und Patienten)
  • Marketing-Druck
  • Gefahr der Überbehandlung?

Hohe Kosten (Hoffnung, dass dadurch jedoch weniger hospitalisiert werden müssen)

«Darm mit Charme» oder «Kampfzone»?
Dr. Dominique Criblez veranschaulicht, was bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung im Magen-Darm-Trakt passiert und erklärt die Wirkungsweise der Immunzellen. Dabei sorgt er für einige Lacher; er stellt die Immunzelle als eine Art Grenzschutzpolizei und die Darmwand als Grenzzaun dar. Biologika sind Antikörper, die Botenstoffe ausschalten und damit zu einem Rückgang der Entzündung führen.

Biologika sind bio-gentechnologisch hergestellt und bestehen aus komplexen Eiweissen, verabreicht entweder durch Infusion oder Spritze. Dr. Criblez geht detaillierter auf die Herstellung ein und gibt den Gästen einen Überblick der möglichen Einsatzgebiete und Phasen der Prozesse sowie empfohlenen Vorgehensweisen resp. Dosierungen.

Es sind einige Vorabklärungen nötig (Tuberkulose, HIV, diverse Impfungen, Herzinsuffizienz etc.). Die Erfolgschancen sehen momentan so aus: 1/3 gehört zu den Glücklichen, ihre Symptome werden vollständig geheilt, 1/3 hat ein teilweises Ansprechen, 1/3 spricht nicht darauf an.

Ein Wirkverlust von ca. 10%/Jahr ist bekannt, der eigene Organismus bildet Abwehrkörper und Biologikum wird inneffizient. In diesen Fällen gibt es weitere Möglichkeiten und Massnahmen, um den Therapieerfolg zu erreichen. Auch Risiken und Nebenwirkungen sind bekannt, vor allem allergische Reaktionen, erhöhte Infektgefahr oder die Reaktivierung einer Tuberkulose (heute praktisch nicht mehr, da dies vorher ausgeschlossen wird). Um diese Risiken möglichst niedrig zu halten, werden engmaschige, regelmässige ärztliche Überwachung und diverse Kontrollmassnahmen verfolgt.

«Oftmals betreut man als Arzt die Betroffenen lebenslang. Dabei sind ein gutes Vertrauensverhältnis und
eine engmaschige Begleitung sehr wichtig. Ich habe keine Krankheit,
sondern einen Menschen mit seinem Schicksal vis-à-vis!»

Eine Kontroverse ist bis heute, ob Biosimilars (ähnlich wie ein Generika) in ihrer Wirkung vergleichbar zum Originalprodukt sind. Hier spielt der Kostendruck eine grosse Rolle.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob man eine Therapie absetzen kann, gibt Dr. Criblez ausführlich Antwort. Kurz zusammengefasst:

Diese Frage kann nicht generell beantwortet werden, sondern ist individuell zu betrachten. In der Regel wird eine Therapie bei guter Verträglichkeit nicht vor zwei bis drei Jahren abgesetzt. Die optimale Ausgangslange für den Therapieerfolg ist, wenn der Patient über längere Zeit rückfallfrei ist und keine Restaktivität mehr vorhanden ist. Falls es zu einem Rückfall kommen sollte, sind gute Erfolge bei der Wiederaufnahme der Therapie zu verzeichnen.

Zudem wird u.a. auch über die Unterschiede von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie den Spezialformen der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gesprochen.

«Die Lebensentfaltung durch CED kann sehr eingeschränkt werden:
Familie, Partnerschaft, Karriere ... Diese Faktoren sind uns als Ärzte bewusst und Betroffene müssen Wege finden,
mit dieser Krankheit umzugehen. Der Austausch untereinander ist meiner Meinung nach sehr hilfreich,
deshalb empfehle ich jedem Betroffenen eine Mitgliedschaft bei der SMCCV.»

Fachwissen: Kompetent und verständlich
Die drei Spezialisten vermittelten an diesem Abend geballtes Fachwissen und gingen zudem sehr persönlich auf die einzelnen Fragen und Anliegen ein, auch eine Frage aus der Live-Übertragung im Facebook wurde direkt eingebracht. Es zeigte sich einmal mehr, dass der Bedarf an Informationen gross ist und der Austausch untereinander sehr hilfreich wirkt.

Zum Abschluss des Abends offerierte SMCCV einen kleinen Apéro. Bei kulinarischen Köstlichkeiten bot sich die Gelegenheit, sich weiter mit den Ärzten und anderen Betroffenen auszutauschen.

Video der Info-Veranstaltung Luzern und Liestal:
www.facebook.com/pg/SMCCV.CrohnColitis/videos/

Fokus-Broschüre zum Thema «Therapien»:
www.smccv.ch/files/blog/public%20downloads/fokus%20Therapie.pdf

12. November 2017

Redaktion SMCCV

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