Leben wollte ich – nur nicht als ein Häufchen Elend

Yasemin Töremis (25) leidet an Morbus Crohn. Heute hat sie die Krankheit dank Medikamenten
und Betreuung im Griff.

Yasemin Töremis

Wann, Frau Töremis, wurde bei Ihnen die Diagnose Morbus Crohn gestellt?
Das war im Dezember 2012. Zuvor war ich jahrelang von Arzt zu Arzt gegangen. Die ersten Symptome traten bei mir im Alter von 15 Jahren auf.

Beim Morbus Crohn (MC) kommt es zu Entzündungen und Geschwüren an der Darmschleimhaut und zu Einlagerungen in der Darmwand. Die Entzündungen können sich auf den gesamten Verdauungstrakt und prinzipiell auf alle Organsysteme ausdehnen. Meistens sind der letzte Abschnitt des Dünndarms und der Dickdarm betroffen, seltener die Speiseröhre. Was ist bei Ihnen der Fall?
Betroffen sind bei mir der Magen, der Dünndarm und der Dickdarm.

Unter welchen Beschwerden und Symptomen leiden Sie heute beziehungsweise haben Sie früher gelitten?
Ich hatte regelmässig schwere Durchfälle. In den schlimmsten Phasen musste ich pro Tag 20- bis 25-mal aufs WC. Zudem plagten mich immer wieder Bauchschmerzen, was ich als fast noch schlimmer empfand. Generell fühlt man sich müde, schlapp und krank.

Was ging in Ihnen vor, als Sie mit der Diagnose Morbus Crohn konfrontiert wurden?
Zuerst war ich erleichtert und froh, dass man meine Beschwerden endlich ernst nahm. Dann habe ich selber begonnen, über die Krankheit zu recherchieren
– und da habe ich Angst bekommen. Auch Zukunftsund Existenzängste stellten sich ein. Ich wusste ja nicht, wie lange ich trotz der Erkrankung noch richtig arbeiten kann.

Wie sind Sie davon in Ihrem Alltags- und Berufsleben betroffen beziehungsweise eingeschränkt?
Eingeschränkt bin ich vor allem von der Energie her. Ich bin oft müde und bleibe abends oft zu Hause, was ja nicht meinem Alter entspricht. Auch schränken mich die Durchfälle bei der Arbeit ein.

Was unternehmen Sie persönlich, um Ihre Erkrankung besser bewältigen zu können, und welche Unterstützung ist dabei für Sie besonders wichtig?
Am Anfang habe ich Kontakt zu andern Betroffenen gesucht und habe mir entsprechende Broschüren besorgt. Zudem habe ich Rat bei Gesprächsgruppen gesucht, was mir sehr geholfen hat. Den Kontakt zu anderen Betroffenen hat mir die Patientenorganisation vermittelt. Die Patientenorganisation konnte mir
aber auch sonst viele wichtige Informationen geben – sei dies in Form von Broschüren oder Veranstaltungen, die öffentlich zugänglich sind.

Was hilft Ihnen zusätzlich bei der Bewältigung Ihrer Krankheit?
In erster Linie regelmässige Bewegung. Zudem praktiziere ich jeden Tag Yoga und gehe regelmässig in die Akupunktur. Gleichzeitig versuche ich, unnötigen
Stress zu vermeiden, und achte bei der Ernährung darauf, dass ich keine Weizen- und Milchprodukte zu mir nehme. Auch vermeide ich Rohkost.

Sind Sie ständig in ärztlicher Behandlung und regelmässig auf Medikamente angewiesen?
Ich bin voraussichtlich ein Leben lang auf eine regelmässige Medikamenteneinnahme angewiesen. Daher sind die regelmässigen Kontrollen und Gespräche
beim Hausarzt und beim Magen-Darm-Spezialisten sehr wichtig.

Wie wichtig ist es für Betroffene, sich rechtzeitig in ärztliche Behandlung zu begeben?
Das finde ich persönlich sehr wichtig. Nur so kann die richtige Therapie eingeleitet werden und Spätfolgen können verhindert werden.

Können Sie heute – trotz der Erkrankung – ein mehr oder weniger normales Leben führen?
Ja, das würde ich so sagen. Dies auch, weil ich unterdessen die Krankheit akzeptiert habe. Am Anfang dachte ich immer, dagegen ankämpfen zu müssen,
und ich wollte diese Krankheit einfach nicht haben. Die Änderung meiner Einstellung zur Krankheit hat mir persönlich Linderung verschafft. Es hat mich viel
Kraft gekostet und doch habe ich es irgendwie geschafft, damit umzugehen. Yoga und Meditationen haben mir viel Kraft gegeben, das durchzustehen, positiv
zu denken und weiterzumachen. Denn was blieb mir anderes übrig? Leben wollte ich – nur nicht als ein Häufchen Elend. Deshalb habe ich angefangen, für
meine Gesundheit zu kämpfen und nicht gegen meine Krankheit.

Was raten Sie Betroffenen generell?
Mir selber hat der Austausch mit andern Betroffenen am meisten gebracht. Der Kontakt zu anderen Betroffenen wird am besten durch die Patientenorganisation ermöglicht – sei dies in Form von Gesprächsgruppen, einer eigenen, geschlossenen Facebook-Gruppe oder aber auch durch die öffentlichen Informationsveranstaltungen. Das ist auch der wichtigste Grund, weshalb ich mich ehrenamtlich bei der Patientenorganisation einsetze: Den Austausch zwischen Betroffenen zu fördern, hat für mich Priorität, damit niemand das Gefühl hat, allein zu sein.

05. Oktober 2016

Redaktion SMCCV

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